Zur aktuellen Situation auf dem Normannenhaus

Am 6.11.2021 will die Burschenschaft Normannia Leipzig zu Marburg einen Vortrag mit dem Referenten Alexander Schleyer zum Thema „Migration im Mittelmeer“ organisieren. Schleyer ist Burschenschafter der Corps Hansea Wien, der neonazistischen Burschenschaft der Raczeks zu Bonn und Kader der faschistischen Identitären. Für diese war er 1. Offizier auf der C-Star mit dem diese 2017 versuchten zivile Seenotrettung im Mittelmeer zu verhindern.

Die Burschenschaft Normannia Leipzig zu Marburg ist zusammen mit der Marburger Burschenschaft Germania und der Burschenschaft Rheinfranken im Dachverband der Deutschen Burschenschaft organisiert und stellt wie diese eine intellektuelle Nazikameradschaft dar, wie ein Blick auf Historie und Personal deutlich macht. Außerdem fallen ihre Mitglieder immer wieder durch rechte Gewalttaten auf.

1998 wurde gegen die Normannia wegen Volksverhetzung ermittelt, Grund dafür war ein Paket mit rechtem Propagandamaterial, welches versehentlich, statt an sie selbst, an den damaligen Oberbürgermeister Egon Vaupel zugestellt wurde. Ein Jahr später schoss eine Person vom Balkon der Burschenschaft mit einem Luftgewehr auf eine:n Passant:in, außerdem wurde das Nachbargebäude mit Flaschen beworfen, ein Hitlergruß gezeigt und „Sieg Heil“ gerufen. Der ankommenden Polizei widersetzten sich die Burschenschafter, was zusätzlich zu einer Anzeige wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt führte. Zu dieser Zeit waren mehrere Normannen bei der Partei Die Republikaner und ihrer Studierendenorganisation aktiv. Mehrere Aktive und alte Herren der Burschenschaft sind bis heute nachweislich bewaffnet und an gewalttätigen Übergriffen beteiligt.

Nicht nur von außen ein Elend

Die beschmierte und verunstaltete Fassade der Normannia Leipzig kann als Metapher für ihr Innenleben verstanden werden. Seit Jahren hat die Verbindung erhebliche Probleme mit fehlendem Nachwuchs, was ihre Motivation für den kommenden Vortrag erklärt. Ohne die von den Rheinfanken gekommenen Stützburschen Benjamin Hassis und Andrien Volkmann, wäre die Verbindung bereits 2017 ohne Aktivitas bzw. aktiven Betrieb gewesen. Auch heute ist die Verbindung für viele unattraktiv, weswegen sie sich in den letzten Monaten durch ein Imagevideo und mehrere kleinere Veranstaltung profiliert hat. Anfang Juni 2021 veranstaltete sie eine „Kolonialkneipe“ auf dem Haus, bei der der deutsche Kolonialismus verherrlicht wurde, am 22. Juni hielt Andreas Salzmann, Sprecher der AfD Waldeck Frankenberg, einen Vortrag mit dem Titel „Wer hat Angst vor CO2?“. Im Kontext ihrer massiven Probleme sind die Aktivitäten der Burschenschaft zu bewerten: Seit Jahren ringt sie mit dem Untergang und wird nur durch die gleichen paar ewigen Studenten von Rheinfranken und Germanen am Leben gehalten beziehungsweise als Verbindung für „unehrenhaft“ Ausgeschlossene wie Luis Wehweck1 benutzt. Alle drei in der DB organisierten Marburger Burschenschaften müssen als das Naziproblem verstanden werden. Das wird auch bei Blick auf die verbliebenen Normannen offensichtlich.

Philipp Wahlia
Benjamin Haasis auf dem Burschentag 2021 – Bildrechte: Pixelarchiv

Benjamin Haasis ist seit Jahren das Gesicht der Verbindung und in Marburg altbekannt, inzwischen wird er auch als Verantwortlicher für den Webauftritt der Burschenschaft geführt. Sein langjähriger Mitbewohner Adrien Volkmann hat das Haus wohl inzwischen verlassen. Philipp Wahlia hat in Marburg angefangen Jura zu studieren, zog auf das Haus und ist auch im Imagevideo zu sehen. Außerdem beobachtete er gemeinsam mit Adrien Volkmann eine Fridays for Future Demo in Marburg.









Philipp Schmuck


Philipp Schmuck, geboren am 08.06.1995, ist seit Jugendtagen Neonazis. Er gehört zur Gruppe hinter der „Lumdataler Stimme“, die 2013 in die Jungen Nationalisten (NPD-Jugendorganisation) aufging. Mehrmals kam es unter seiner Beteiligung zu Einschüchterungsversuchen gegen Antifaschist:innen im Lumdatal. Neben Propaganda-Aktionen war er an mehreren Angriffen auf die Projektwerkstatt Saasen beteiligt. 2015 war er auch an der Organisation des JN-Pfingstlagers in Hessen eingebunden. Nach seinem Abitur in Gießen verschlug es ihn zum Studium nach Marburg. Hier fand er zuerst bei der Burschenschaft Rheinfranken Anschluss. Inzwischen ist er, wie andere Rheinfranken auch, Mitglied der Burschenschaft Normannia Leipzig zu Marburg. Am 29.04.2017 war Philipp Schmuck am Rande des Landeskongresses der Jungen Alternative Hessen auf dem Haus der Burschenschaft Germania Marburg, mit seinem Auto in Angriffe auf Antifaschist:innen in der Marburger Lutherstraße verwickelt. Nach seinem Bachelor in Politikwissenschaft in Marburg studiert er nun in Gießen seinen Demokratie und Governance Master, wohnt aber nicht auf dem Haus, sondern in Allendorf. Im Imagevideo der Normannia von 2020 ist er der Sprecher aus dem Off.

Schmuck (links) am Schleusungspunkt des JN-Pfingstlagers 2015 – Bildrechte: Recherche Nord
Marco Nicola Wagner

Marco Nicola Wagner studiert nicht, ist aber trotzdem Teil der Burschenschaft. Er ist auf Instagram künstlerisch als „kunst.bricht.schweigen“ aktiv , außerdem hat er in den beiden rechten Neofolksbands „Spreu & Weizen“ und „Von Thronstahl“ mitgewirkt. Beide Bands sind einschlägig bekannt, „Von Thronstahl“ kann laut Antifa Infoblatt als „Aushängeschild des rechten Neofolks gelten, [sie] veröffentlichten Lieder mit Jüngers Texten.“ Wagner ist auf Telegram aktiv und macht dort als „MN W“ in der Gruppe „Patrioten Marburg“ und „Studenten stehen auf Marburg“ Werbung für die Marburger Nazi-Burschenschaften.

Carolina Mehrkens

Die Normannen haben auch zu den Identitären enge Kontakte. So ist Carolina Mehrkens regelmäßiger Gast der Verbindung, beispielsweise auf dem Stiftungsfest 2021 am ersten Juliwochenende. Mehrkens wohnt seit Oktober 2020 in Marburg und studiert hier Philosophie und BWL. Sie war seitdem unter anderem am 14.11. bei einer Identitären-Aktion in Braunschweig beteiligt, am 26.11. in Groß-Gerau plakatieren und trainierte bei Kampfsportübungen mit. Sie ist in Hollern-Twielenfleth in Nord-Niedersachsen aufgewachsen und war dort in verschiedenen faschistischen Gruppierungen aktiv, beispielsweise bei den Identitären Stade und den Patrioten Stade-Buxtehude. Die Antifa216 aus Stade schrieb im Mai 2020 über sie:

Mehrkens auf der Identitären Demo 2019 in Halle

„Die Gründung der Gruppe im Stader Landkreis geht so auch auf Caro [Mehrkens] zurück, welche als Kader der IB-Nordniedersachsen auftritt. So nahm sie an einer Aktion auf dem Stader Pferdemarkt teil, war beim Sommerfest der IB am 20.07.2019 anwesend und betrieb die Instagram-Seite „Stade identitär“. Sie hat die Administration der Gruppe mittlerweile abgegeben, da sie laut eigener Aussage nun Ortsgruppenleiterin der IB-Bremen sei.“

Aktuell beteiligt sich Mehrkens, wie auch Schmuck und Wagner rege in der Telekgramgurppe von „Studenten stehen auf Marburg“. Hier argumentieren sie dafür, dass die Naziburschenschaften der DB in Marburg ein guter Anlaufpunkt auch für die Gegner:innen der Corona Maßnahmen seien.

Wenn jemand am Boden ist, soll man nicht nachtreten…

…sagt ein Sprichwort. In diesem Fall sehen wir das anders und analysieren die aktuellen Aktivitäten der Burschenschaft als verzweifelten Versuch, dem eigenen Untergang entgegen zu wirken. Antifaschist:innen jeder Coleur können hier ansetzen und daran arbeiten, einer strukturell relevanten, wie auch konkret gefährlichen Naziorganisation erhebliche (personelle) Probleme zu bereiten. So lange bleibt das Haus in der Barfüßerstraße 14 ein Treffpunkt für (extreme) Rechte verschiedener Strömungen. Das Bündnis gegen Rechts Marburg ruft für den 6.11 zu einer Gegendemo und -kundgebung auf.

Infobox Alexander Schleyer:


- Mitglied des Corps Hansea Wien und laut Natascha Strobl in „Das faschistische Jahrhundert“ der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn
- 1. Offizier des Schiffs bei der Defend-Europe Mission, Ausbildung dazu bei der deutschen Marine
- Autor eines Buchs über die Aktion, außerdem für das Compact-Magazin, die Blaue Narzisse und die Deutsche Militärzeitschrift (u.A. schon herausgegeben von Manuel Ochsenreiter)
- Zeitweise Mitarbeiter des FPÖ-Nationalratsabgeordneten Christian Höbart (Bis er wegen rassistischer Äußerungen auf Facebook den Job verlor, weil er in dem sozialen Netzwerk einen Holocaustleugner gelobt und etwa von "Eselsfickerkulturen" geschrieben hat)
- Seitdem Redakteur der FPÖ-nahen Wochenzeitschrift »Zur Zeit«

1Wehweck erschien bei den Germanen nicht zu einer Pro Patria Mensur, wurde „unehrenhaft“ ausgeschlossen und kam schließlich bei der Normannia unter.