„Wir werden sie Jagen!“ – ehemalige Marburger Konservative und der Weg der AfD zur offenen faschistischen Partei

Otto Böckel spricht zu seinen Anhängern
Otto Böckel spricht zu seinen Anhängern
  1. Einleitung
  2. Drei Säulen
    a) Militär
    b) Universität
    Den Worten folgen Taten
    c) Auf dem Land
    Die ‚Jugendsünde‘
  3. Fazit

Der vorliegende Artikel anlässlich der Kommunalwahl 2026 soll einen Beitrag in der emanzipatorischen Auseinandersetzung mit der AfD leisten. Der Text erläutert Schnittmengen, Verbindungen und Überläufer zwischen Marburger Konservativen und der AfD. Dies geschieht anhand von drei Säulen. Nach einer Einleitung werden die beiden Säulen Militär und Universität analysiert, außerdem wird ein Blick auf antisemitische Kontinuitäten im Landkreis Marburg-Biedenkopf geworfen und ein Fazit gezogen.

1. Einleitung

Die AfD füllt ihre Reihen vermehrt mit offenen FaschistInnen. Teilweise mit universitärem Bezug, teilweise aus der Provinz. Diese Mischung ist grundsätzlich nicht neu, aber genau deswegen gefährlich, wie die folgende historische Betrachtung der extremen Rechten im Landkreis Marburg Biedenkopf aufzeigt. Die Analyse wird anhand von drei Säulen aufgestellt: Universität, Militär und Landbevölkerung. Dabei entsteht eine brisante Mischung, wie sich beispielsweise bei einem Angriff auf zwei Gegendemonstrantinnen Ende November 2025 in Gießen durch AfD Anhänger zeigte. Angreifer auf der Anreise zur Gründungsveranstaltung der neuen AfD Jugendorganisation war u.A. AfD-MdB Julian Schmidt. Schmidt ist der Spitzenkandidat der AfD Marburg-Biedenkopf für den Kreistag bei der anstehenden Wahl und führt die Partei lokal in Clan Manier mit Hilfe mehrere Familienmitglieder an. Die Gewalttat in Gießen ist die praktische Umsetzung der bekannten „Wir werden sie Jagen!“-Worte von Alexander Gauland, dem Ehrenvorsitzenden der AfD.

In den 1960er Jahren studierte Gauland in Marburg. Damals war er beim RCDS (Ring Christlich Demokratischer Studenten) aktiv, in den folgenden Jahren auch u.a. als Staatssekretär bei der CDU, bis er 2013 schließlich zur AfD wechselte. Mit Aussagen wie: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in
über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“
, sendet Gauland ein klares Signal an extrem rechte Kreise. Durch die Wahlerfolge und Parolen der AfD erlangen militante FaschistInnen in und um die Partei in ihren Augen immer mehr Legitimation, loszuschlagen. Auch wenn sich die AfD andauernd als Opfer darstellt, gehen ihre AnhängerInnen immer wieder offen mit Gewalt gegen Gegner_innen vor. Ihr prominentestes Opfer, Walter Lübcke, war ebenso bei der CDU wie einst Gauland. 2019 wurde Lübcke von einem Neonazi und AfD-Unterstützer ermordet. Kein rechter Mord kommt aus dem Nichts. Faschistische Strukturen sozialisieren ihre Mitglieder im Sinne ihres Weltbilds, welches den gegenseitigen Kampf als Naturgesetz annimmt und keine andere Option zu lässt.

Festsetzung Schmidt und Schmittberger (v.l.) in Gießen 29.11.2025
Festsetzung Schmidt und Schmittberger (v.l.) in Gießen 29.11.2025

Auch am 29.11.2025 kam es in Gießen am Rande der Gründung der „Generation Deutschland“ zur Gewalt zwischen Demonstrant_innen und AfD AnhängerInnen. Im Anschluss wurden mehrere Personen der AfD von der Polizei festgesetzt und einer Personenkontrolle unterzogen. Ein kurzer Videoausschnitt der Auseinandersetzung erreichte eine hohe mediale Aufmerksamkeit und schnell schien klar: Die AfD’ler um den Bundestagsabgeordneten Julian Schmidt seien angegriffen worden und die Eskalation ginge von den Linken aus. In dieses Horn blies die gesamte sogenannte bürgerliche Mitte von Blaulicht Marburg und Oberhessischer Presse bis hin zur Zeit. Entsprechend positionierten sich die lokalen Verbände von SPD, Grünen und Freien Wählern und verurteilten den angeblichen Angriff ‚aufs Schärfste’.

Instagram-Story Julian
Schmidt: Auf in den Kampf
Instagram-Story Julian
Schmidt: Auf in den Kampf

Tatsächlich lief die Situation anders ab, wie die taz berichtet. Sechs Personen der AfD traten sehr aggressiv auf und übten unmittelbar Gewalt gegen Gegendemonstrantinnen aus. Insbesondere das Marburger AfD-Vorstandsmitglied Nick Schmittberger, Kandidat der AfD Marburg-Biedenkopf für die Stadtverordnetenversammlung (Listenplatz 3) und Kreistag (Listenplatz 6), ging gewaltsam gegen eine Demonstrantin vor, die nach einem Kniestoß und einem Ellenbogenschlag stürzte und ihr Fahrrad fallen ließ. Auch Julian Schmidt übte Gewalt gegen eine junge Frau aus. Erst als Menschen zur Hilfe eilen, setzt das selbst zugeschnittene und online verbreitete Video ein. Dennoch wird sichtbar, dass die AfD-Anhänger keine Opfer sind, sondern weiter offensiv Gewalt ausüben: Aggressiv versucht der ehemalige
Bundeswehrsoldat Julian Schmidt mit seiner rechten Faust in Richtung des Kopfes eines Linken zu schlagen. Ihm misslingt dieses Vorhaben, Nick Schmittberger jedoch verletzt mit einem harten,
gezielten Schlag einen Demonstranten schwer im Gesicht. Als immer mehr Gegendemonstrant_innen dazu kommen, zieht sich die AfD-Gruppe zurück, die hinzueilende Polizei bringt die Situation unter Kontrolle und setzt drei AfD’ler fest. Im Nachgang spricht Julian Schmidt in einem Facebook-Video von einer „Auseinandersetzung“ und davon, dass er seine Schlagtechnik verbessern müsse. Seine Gewaltbereitschaft belegt auch eine Insta-Story, die er am frühen Morgen postete und später wieder löschte. Ein Foto von seinem morgendlichen Kaffee unterlegte er mit dem Aufruf „Auf in den Kampf!“.

Aber weder das Vorgehen, noch die Personenkreise, aus denen sich das faschistische Potential vor Ort rekrutiert, sind neu.


2. Drei Säulen

Alexander Gaulands Weg von der CDU zur AfD ist kein Einzelfall. Nicht wenige ehemalige Konservative mit einem Marburg Bezug tummeln sich heute in den Reihen der AfD. Ebenso das seit eh und je mit ihnen verwobene Studentenverbindungsmilieu, speziell die Naziburschenschaften aus der „Deutschen Burschenschaft“ (DB), die sich durch ihr offen geteiltes, völkisches Verständnis von den anderen unterscheiden.

Die Stadtgesellschaft in Marburg setzt sich historisch zentral aus zwei Säulen zusammen. Neben der Universität war der Militärstandort Marburg bis Mitte der 1990er Jahre von großer Relevanz. Studentenverbindungen sind die zentrale Schnittstelle beider Säulen. Über das Stadtgebiet hinaus wird die durch die Arbeit in der Landwirtschaft geprägte Bevölkerung als dritte Säule analysiert. Gerade für diese Gruppe haben sich die Lebens- und Erwerbsbedingungen in den letzten hundert Jahren stark geändert, wobei die extreme Rechte inhaltlich zum Teil ähnlich ansetzt, wie wir aufzeigen wollen.

a) Militär

Eine der konkreten Organisationen, in der Konservative und extreme Rechte im Militarismus vereint
waren, war die „Fördergemeinschaft für Soldatenverbände“ (FfS). Dort waren Personen aus CDU, Naziburschenschafter, Republikaner, NPD (heute Die Heimat) und andere zusammen organisiert. Die Strukturen sind neben soldatischer Männlichkeit von Antisemitismus und Antikommunismus geprägt.

Matthias Pozzi und Klaus Jürgen Böckler sind zwei AfD-Kandidaten, die aus diesen Kontexten stammen und zudem lange Jahre bei der CDU politisch aktiv waren. Pozzi kandidiert für die Stadtverordnetenversammlung auf Listenplatz 1 und für den Kreistag auf Listenplatz 2, Böckler auf Listenplatz 8 für die Stadtverordnetenversammlung und auf Listenplatz 19 für den Kreistag.
Seit Jahrzehnten kennen sie sich z.B. aus der FfS und deren Nachfolgeorganisation
der „Kameradschaft Marburger Jäger 2 Panzergrenadierdivision“(KMJ).

Beide Organisationen beziehen sich auf die „Tradition“ des in Marburg stationierten Jäger-Bataillons Nr. 11, an die die SA-Standarte „Jäger 11“ anknüpfte. Am 26. August 1933 gingen diese beispielsweise gegen den jüdischen Medizinstudent Jakob Spier vor.

„Sie (…), drückt ihm ein großes Schild in die Hand, mit dem er das, was in den Augen
der Nazis als sein ‚Verbrechen‘ anzuprangern ist, allen mitteilen soll: ‚Ich habe ein Christenmädchen geschändet!‘ Um die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich zu lenken, hat sie außerdem den SA-Spielmannszug mitgebracht.“
25.08.2014 Oberhessische Presse

Tatort Rudolphsplatz: Der jüdische Medizinstudent Jakob Spier wird von der SA und von Marburger BürgerInnen durch die Stadt getrieben.
Tatort Rudolphsplatz: Der jüdische Medizinstudent Jakob Spier wird von der SA und von Marburger BürgerInnen durch die Stadt getrieben.

Klaus Jürgen Böckler wurde 2000 erster Vorsitzender der FfS, Matthias Pozzi Geschäftsführer. 2013 hatten sie dann die Posten des ersten und zweiten Vorsitzenden in der KMJ inne.

Das FfS beschreibt sich selbst in ihrem Flugblatt „Die Wahrheit“ wie folgt:

„Wir sind kämpferische Demokraten, die sich noch für unser deutsches Volk und Vaterland einsetzen. Die ein Europa der Vaterländer, ein Europa der Völker wollen; in dem jedes Volk seinem Wesen entsprechend, leben kann.“

Die Vorstellung von „Völker(n)“, die ihrem „Wesen“ nach in ihren „Vaterländern“ leben sollen, offenbart ein völkisches Denken und eine Blut und Boden Ideologie, die immer mit Rassismus einhergeht. In die Zeit der Vorstandschaft von Böckler fiel auch die Einladung an Wolfgang Juchem, einem revisionistischen Antisemiten, der zeitweise in der NPD aktiv war. Am 09.08.2001 sollte er einen Vortrag in den Räumen der „Burschenschaft Teutonia-Germania“ (damals DB) abhalten, zu dem das Ffs eingeladen hatte. Die Marburger CDU stellte Klaus Jürgen Böckler davor wie danach auf verschiedensten Listen auf. Zum Beispiel bei der Kommunalwahl 2021 für die CDU auf Platz 44 für die Stadtverordnetenversammlung. Er war zentrale Figur der „Senioren Union“ in Marburg. Im Frühjahr 2024 wurde Böckler stellvertretender Landesvorsitzender der „WerteUnion“ in Hessen, um sich dann 2025 der AfD zu zuwenden.

Dort ist der ehemalige Berufsoffizier in bester Gesellschaft. Vorsitzender der AfD Marburg-Biedenkopf ist Julian Schmidt, ehemaliger Zeitsoldat, der den „ganz große[n] Teil der Wehrmacht nicht als Täter, sondern Opfer“ der Nazis sieht und zudem fordert, diesen genauso zu gedenken wie „allen anderen Opfern der Naziherrschaft“ (in einem offenen Brief an Ursula von der Leyen).

Auch in ihrem Hass auf Linke sind sich die beiden einig. Julian Schmidt teilte am 19.11.2025 ein Mobilisierungsvideo zu den Protesten gegen die Gründung der „Generation Deutschland“ des „Offenen Antifa Treffen Marburg“ und schrieb dazu:

„Die Marburger ‚Aktivisten‘ für Vielfalt, Demokratie und Selbstbestimmung laufen sich schon mal für ‚friedliche‘ Proteste gegen die Gründungsveranstaltung unserer Jugendorganisation warm. […] Ich freue mich schon auf die vielen konstruktiven und offenen Diskussionen beim Gang zur Messehalle“

In Kombination mit seiner später gelöschten Instagram-Story „Auf in den Kampf“ vom frühen Morgen der Gründungsveranstaltung liegt der Verdacht nahe, dass er und seine Begleiter aktiv Gewalt gesucht haben.

Klaus Jürgen Böckler warnt vor „der Antifa“ oder verortet „das linke Marburger Milieu“ politisch wiederholt in der Nähe Russlands. Sein Denken ist dabei offensichtlich noch immer in der Blockkonfrontation nach 1945 geprägt, wie zwei Beispiele zeigen:

Beispiel 1: „Warum konnte sich das russische Agentenpaar gerade in Marburg so sicher fühlen“ Welche Unterstützung erfuhr es durch das linke Marburger Milieu!“ – 25.5.2013 Oberhessische Presse

Beispiel 2: „Das Ende der Sowjetunion war für den ehemaligen KGB- Oberstleutnant eine schmerzhafte Demütigung, die nur durch Wiederherstellen der alten Größe überwunden werden kann. Wie weit die Ausdehnung in Richtung Westen erfolgen kann, entscheidet die Widerstandskraft der westlichen Länder. Die derzeitigen Nadelstiche gegen Westeuropa verheißen nichts Gutes, denn Putin erklärt die Bereitschaft zu einem Krieg gegen EU-Staaten. Die Traumtänzerinnen und Traumtänzer sowie die Antifa im Westen werden ihm dabei helfen.“ – 13.12.2025 Oberhessische Presse

In der Frage zur Bewertung von Russland ist die AfD Marburg-Biedenkopf gespalten. Neben Böckler gibt es auch Personen wie Michael Franke (Listenplatz 2 für die Stadtverordnetenversammlung und Listenplatz 7 für den Kreistag) oder Kelly Emilie-Fink (Listenplatz 12 für die Stadtverordnetenversammlung und Listenplatz 33 für den Kreistag), die offen einem pro-russischem Lager angehören.

Michael Franke: „Ist es Nicht so , dass die USA eigentlich nicht auch öfter mal einen Angriffskrieg geführt hat? Sogar die NATO diese Friedliebende Organisation hat dies auch schon gemacht.“ (Facebook)

Kelly Emilie-Fink: „Russland ist der Bösewicht“, „Israel ist unschuldig“, „Die aktuelle Regierung in Deutschland ist toll“, „Ich beschäftigte mich nicht mit Politik, interessiert mich nicht.“ (TikTok)

Auch wenn sich die AfD in ihrer Position in Bezug auf das russische Regime uneinig ist, sind sie in ihrem Antisemitismus vereint: Das zeigen neben der Veranstaltungen mit dem Antisemiten Wolfgang Juchem, auch die ironischen Aussagen von Kelly Emilie-Fink oder von Michael Franke: „Ich weiß immer noch nicht die Abkürzung von Nazi! Vielleicht Nationaler Zionist?“ (Facebook).

Sowohl im transatlantischen als auch im prorussischen Teil der AfD sind militaristische und antisemitische Vorstellungen weit verbreitet. Eine Friedenspartei ist die AfD offensichtlich nicht, im Gegenteil: eine Stimme für die AfD ist immer eine Stimme für den Militarismus, auch wenn Uneinigkeit darüber herrscht, woher die größte Bedrohung ausgeht.

b) Universität

Die zweite gesellschaftliche Säule der Stadt Marburg ist die Philipps- Universität. Seit jeher ist die Universität in der politischen Rechten relevant und stark von Studentenverbindungen geprägt. Historisch gesehen ist der Kapp Putsch 1920 ein Beispiel für das Zusammenwirken von Militär und Studentenverbindungen. Hier hatten sich weite Teile der Studentenverbindungen mit Hilfe der Reichswehr bewaffnet und einen Plan für die Besetzung Marburgs ausgearbeitet. Nach dem Zusammenbruch des Putsches durch einen Generalstreik schickte die Reichsregierung, unter Beteiligung der SPD, das sogenannte „Studentenkorps Marburg“, nach Thüringen, um gegen Streikende vorzugehen. Das Kommando bestand aus einer Mischung von Korporierten in Zusammenarbeit mit der Reichswehr, die kurz zuvor noch gemeinsam versucht hatten, die Weimarer Republik zu stürzen. Bei Mechterstädt erschossen sie 15 Arbeiter. Die Leichen der Arbeiter wiesen Verletzungen auf, die durch Nahschüsse in den Hinterkopf oder Nacken zugefügt wurden.

Auch 70 Jahre später agierten Konservative bis extreme rechte Akteure gemeinsam. 1997 demonstrierten sie gegen die Wehrmachtsausstellung in Marburg, die sie als linken Angriff auf ihr Geschichtsbild verstanden. Auf verschiedene Weise agitierten und agierten NPD, Republikaner, CDU, FfS, Neonazi Kameradschaften und Burschenschafter gegen die Ausstellung.

Bis heute hat sich an der Zusammenarbeit wenig geändert, bei manchen Akteuren lediglich das Parteibuch. Auch aktuell mischen bei der AfD Marburg- Biedenkopf Personen mit, die entweder Mitglieder von Marburger DB Naziburschenschaften sind oder dort ihre politische Sozialisation erfahren haben. Sie sind beispielsweise Listen-Kandidaten für Wahlen, Redner oder Funktionäre:

Johannes Hühn (Stadtverordnetenversammlung Listenplatz 16, Kreistags Listenplatz 40) war in seiner Studienzeit bei der „Burschenschaft Normannia- Leipzig zu Marburg“ (DB) aktiv und wurde in diesem Kontext bereits 1994 in einem Flugblatt in der Marburger Mensa als „Fascho-Bursche“ und „Nationalist im zivilgesellschaftlichen Schafspelz“ bezeichnet. Zivilgesellschaftlich deshalb, weil er ab 1991 drei Jahre lang Vorsitzender des RCDS war. CDU- Parteimitglied war er ab 1987 und saß Ende der 1990er Jahre bereits für sie in der Stadtverordnetenversammlung. In sozialen Medien lässt Hühn auch noch 2020 verlauten: „Normannia tritt niemand wegen eines preiswerten Zimmers bei …. sondern aus Überzeugung!!!“

Ziller (2. v.l.) 2024 beim öffentlich Appell auf dem Theaterplatz in Dresden bei der Beendigung seine Offiziersschule.
Ziller (2. v.l.) 2024 beim öffentlich Appell auf dem Theaterplatz in Dresden bei der Beendigung seine Offiziersschule.

Paul Ziller (Listenplatz 6 für die Stadtverordnetenversammlung und Listenplatz 12 für den Kreistag) aus Sachsen-Anhalt ist erst vergleichsweise kurz in Marburg. 2024 trat er zum ersten Mal öffentlich in der extremen Rechten in Erscheinung, in Dessau war er in der Jungen Alternative aktiv und hat für diese regelmäßig fotografiert.

Im Sommer 2024 nahm er an Feierlichkeiten zu zehn Jahren Identitäre teil, im Februar 2025 hat er in Dessau eine Podiumsdiskussion von christlichen Pfadfindern gestört, indem er sich dort ungefragt aufs Podium setzen wollte. Außerdem war Ziller bereits Gast in Schnellroda bei den „Studientagen“ des „Institut für Staatspolitik“ Ende Januar Wie Andere wurde auch Ziller militärisch von der Bundeswehr ausgebildet. Genau ein Jahr vor der Störung, im Februar 2024, beendete er seine Offiziersschule.

Auch in Marburg macht er Propagandafotos für die AfD, die Bilder der Aufstellungsversammlung sind mit seinem Urheberrecht gekennzeichnet. Die Gründungsveranstaltung der neuen AfD-Jugend in Gießen hat er nicht mit der Schlägerbande rund um Julian Schmidt besucht, sondern mit einer Gruppe der „Marburger Burschenschaft Germania“ (DB), zu denen er offensichtlich eine Nähe besitzt.

Jonathan Götzl ist Mitglied und war 2025 Schriftwart der „Marburger Burschenschaft Germania“. Er studiert Politikwissenschaften an der Philipps- Universität Marburg. Er tauchte 2024 und 2025 bei den Burschentagen in Eisenach, sowie bei einer Wanderung der Jungen Alternative (JA) Hessen und zuletzt bei der Gründung der neuen AfD Jugendorganisation „Generation Deutschland“ Ende November 2025 in Gießen auf. Götzl kandidiert für die AfD für die Stadtverordnetenversammlung auf Listenplatz 5 und für den Kreistag auf Listenplatz 8. Außerdem ist er als Beisitzer im Vorstand der AfD Marburg-Biedenkopf. Ende 2025 veranstaltete die „Marburger Burschenschaft Germania“ einen Vortrag mit Thor von Waldstein über „die Zerstörung“ des „europäischen Volksrechts“. Waldstein war Vorsitzender des NPD- Hochschulverbandes „Nationaldemokratischer Hochschulbund“, außerdem Referent und Autor im extrem rechten Spektrum zum Beispiel bei der „Gesellschaft für Freie Publizistik“ und der Zeitschrift „Staatsbriefe“.

Zum Sommerfest 2025 der AfD Marburg-Biedenkopf im Dorfgemeinschaftshaus Kernbach lud der Kreisverband den AfD- Bundestagsabgeordneten Christian Zaum von der „Marburger Burschenschaft Rheinfranken“ (DB) als Redner ein. Im Jahr 2016 sorgte dieser für einen Eklat, als er eine Abschlussklasse für eine Party in das Verbindungshaus seiner Burschenschaft einlud. Zaum ist seit 1997 mit einer kurzen Unterbrechung Mitglied der Rheinfranken und wird auch in der 2000/2001 verfassten antisemitischen und revisionistischen Textsammlung „Fuxenkladde“ als Mitautor namentlich erwähnt.

Die Naziburschenschaften der „Deutschen Burschenschaft“ besetzen zum Teil gezielt Postionen in der AfD. Die Partei bietet ihnen Jobs und durch ihre AnhängerInnen eine breite Masse, die nach dem elitären Selbstverständnis der Burschen geführt werden will. Im Umkehrschluss stellen sie der AfD gewachsene Netzwerke und ausgebildete Kader zur Verfügung. Dabei ist den lokalen AfD Funktionären bewusst mit wem sie da Politik machen. Noch 2024 schrieb Nick Schmittberger in der „Kartellzeitung“ des „Violett-Grünen Kartells“ von u.A. seiner damaligen „Burschenschaft Alemannia Marburg“:

„Manche Germanen erschienen mir stark ideologisiert, inadäquat und fehlgeleitet zu sein.“

Den Worten folgen Taten
In der rechten Szenen wird die AfD Jugend nicht ohne Grund auch „Höcke Jugend“ genannt. Die enge Verbindung zwischen dem Faschisten Björn Höcke, der auch in Gießen und Marburg studierte, und der AfD Brille), Jugendorganisation besteht weiter. Auch aktive Mitglieder der Naziburschenschaft Germania Marburg waren bei der Gründung mit von der Partie.

Zwei Nazi-Germanen und ihre Freunde: Ziller (mit Brille), Götzl (im Profil), Pott (2ter von rechts) und unbekannt (rechts)
Zwei Nazi-Germanen und ihre Freunde: Ziller (mit Brille), Götzl (im Profil), Pott (2ter von rechts) und unbekannt (rechts)
Bewaffneter Angriff von Naziburschen und AfD-Funktionären auf Fotograf_innen am 30.04.2017

Bereits in der „Jungen Alternative Hessen“ brachten sich die Marburger Naziburschenschaften mit Personal, teils mit Gewalt ein. Als Beispiel dient dafür der Angriff vom 30.4.2017, als sie Fotograf_innen, die ein Treffen der JA Hessen auf dem Haus der „Marburger Burschenschaft Germania“ dokumentierten, mit Pfefferspray und Schlagstöcken mehrfach attackierten. Damals wie heute wird aus ihren Reihen mit der Beteiligung an weiteren rechten Organisationen der Versuch unternommen, aus ihrer lokalen politischen Isolation zu durchbrechen. Wie 2017 kam es auch 2025 in Gießen im Kontext von AfD-Jugendorganisationen zu Gewalt gegen Antifaschist_innen. Neben den bereits behandelten Julian Schmidt und Nick Schmittberger waren weitere Kandidaten für die Kommunalwahl der AfD Marburg-Biedenkopf an dem Angriff in Gießen beteiligt:

Teil der Angreifer aus Gießen: Im Vordergrund Julian Schmidt, im Hintergrund "Täter unbekannt"
Teil der Angreifer aus Gießen: Im Vordergrund Julian Schmidt, im Hintergrund „Täter unbekannt“

Einer davon ist Felix Preißler aus Gladenbach auf Kreistagslistenplatz 31. Auf seinem Instagram Profil war in den Tagen nach dem Angriff der Neonazi Code „1161“ zu lesen. Die Chiffre steht für „Anti Antifa“. Für das Video, das später suggestiv geschnitten den Eindruck erwecken sollte, dass die AfD Anhänger angegriffen wurden, war Jannis Manderbach aus Bad Endbach auf Kreistagslistenplatz 24 verantwortlich. Mit Tobias Sommavilla aus Marburg, war auch noch ein weiteres Vorstandsmitglied in der Reisegruppe, von der der Angriff ausging. Sommavilla ist Beisitzer im Kreisvorstand, er kandidiert auf Listenplatz 4 für die Stadtverordnetenversammlung und auf Listenplatz 10 für den Kreistag. Ein sechstes Mitglied der Reisegruppe ist bisher unbekannt.

An dem Übergriff überrascht weniger die Gewaltbereitschaft der AfD – Gewalt ist essentieller Bestandteil extrem rechter Ideologie – sondern vielmehr die Naivität der sogenannten bürgerlichen Mitte. Einem von Nazis eigens gefilmten und zusammengeschnittenen Video zu glauben und deren gewünschte Erzählung zu verbreiten, ist mindestens ignorant.

c) Auf dem Land

Nachdem bereits die beiden historischen Säulen der Stadt Marburg skizziert wurden – Militärstandort und die Universität im Zusammenspiel mit Studentenverbindungen – ist beim Blick auf das Umland die Säule der durch die Arbeit in der Landwirtschaft historisch geprägte Bevölkerung zu beachten. Mit seiner Initierung auf Fotos mit Rindern auf der Weide knüpft Julian Schmidt genau daran an. Er stellt sich als Kämpfer für die bedrohte Landgesellschaft da.

Bereits bei der Reichstagswahl 1887 wurde Otto Böckel, Bibliothekar an der Marburger Universitätsbibliothek und Mitglied der Burschenschaft Germania Gießen – im Wahlkreis Marburg-Kirchhain – in den Reichstag gewählt. Böckel war dort der erste parteiunabhängige Antisemit, 1890 gründetet er dann die „Antisemitische Volkspartei“. Otto Böckel sah die Schuldigen an der bedrohten bäuerlichen Lebenswelt in jüdischen Viehhändlern und Kreditgebern. Seine Popularität verdeutlicht, wie weit in der Region schon damals Teile der späteren Naziideologie verankert waren. Heute agitiert die AfD mit Erzählungen von „Globalisten“:

„Diese globalisierte Klasse sitzt in den international agierenden Unternehmen, in Organisationen wie der UN, in den Medien, Start-ups, Universitäten, NGOs, Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten, und weil sie die Informationen kontrolliert, gibt sie kulturell und politisch den Takt vor.“ Alexander Gauland

Otto Böckel spricht zu seinen Anhängern
Otto Böckel spricht zu seinen Anhängern

Die ähnlichen Zuschreibungen an „Juden“ wie an die „Globalisten“ fallen auf: sie seien die „Wurzellosen“, die die „Völker“ gegeneinander ausspielten und die Geschicke lenkten. Später wurde Otto Böckel von den Nazis als Wegbereiter ihres Gedankengutes stilisiert. Führende hessische Nazis, wie der spätere hessische NSDAP Staatspräsident Ferdinand Werner (Mitglied im „Verein Deutscher Studenten Gießen“), waren in ihrer Jugend in der sogenannten Böckel-Bewegung tätig.

Die ‚Jugendsünde‘

Sebastian Schmidt (re.) im Sturm 18 Shirt
Sebastian Schmidt (re.) im Sturm 18 Shirt

Nach der Entnazifizierung Deutschlands durch die Alliierten hätte Ferdinand Werner seine Mitgliedschaft bei der Böckel-Bewegung wahrscheinlich als ‚Jugendsünde‘ bezeichnet. Ähnliches sagt auch Nebenerwerbslandwirt Julian Schmidt über seinen Bruder Sebastian Schmidt, Kreistagskandidat auf Listenplatz 3. Nachdem unter stadtlandvolk.net Fotos von ihm mit einem T- Shirt der Neo-Naziband „Sturm 18“ veröffentlicht wurden, schrieb im Mai 2024 mittelhessen.de: „Schmidt bestätigte, dass die Fotos, die seinen Bruder zeigen, echt sind. Sie seien etwa 20 Jahre alt, sein Bruder habe damals solche Musik gehört. Heute distanziere er sich davon.“ Julian Schmidt geht in seiner Stellungnahme nicht inhaltlich darauf ein, dass sein Bruder ein extrem rechtes Shirt getragen hat. Er distanziert sich stellvertretend und oberflächlich von der angeblichen ‚Jugendsünde‘.

Wer heute für die AfD im Kreistag rassistische Politik machen will, kann sich in Bezug auf seine Neo-Nazi Vergangenheit mit einfachen und oberflächlichen Distanzierungen nicht raus reden. Sonst wäre auch die wiederkehrende organisatorische Zusammenarbeit mit Naziburschenschaften wie der „Marburger Burschenschaft Germania“ nicht möglich. Deren Mitglieder propagieren wahlweise einen „Eurofaschismus“, wie Philipp Stein vom Jungeuropa Verlag („Von rechts gelesen“ Sendung 173) oder beschreiben ihre Burschenschaft wie Marcel Grauf 2014 so:

„[Wir sind] keine Liberalos, aber auch keine konservativen Kackspasten […] Einfach lustige Nazis des 21. Jahrhunderts […] Lebensbundtechnisch: Gelebte Freundschaft im großen und ganzen.“ (Facebook)

Wer die Kontinuität der vertretenen Ideologie dieser Kontexte ignoriert, will sie nicht sehen oder hat kein Problem mit ihnen.

3. Fazit

Die vorangegangene Analyse zeigt: An der Aufstellung der Marburger AfD zur Kommunalwahl in Stadt und Kreis bestätigen sich bundesweite Trends und lassen sich regionale Kontinuitäten aufzeigen. Dabei baut der Erfolg der AfD auf militärischen und universitären Traditionen in der Stadt und rechten Kontinuitäten auf dem Land auf. Die Überläufer der CDU in Marburg, Matthias Pozzi, Johannes Hühn und zuletzt Klaus Jürgen Böckler, bilden das lokale Pendant zum Ex-Mitglied der „Stahlhelmfraktion“ der CDU, Alexander Gauland. Zudem bindet die AfD vor Ort direkt Nachwuchs aus den Naziburschenschaften an sich, wie das Beispiel 2017 auf dem Haus der „Marburger Burschenschaft Germania“ zeigen. Die Aufstellung von Pozzi und Böckler schließt gleichzeitig an die Kontinuität der militaristischen Jäger- und Reservistenverbände an. Zusammen mit den aus dem dörflichen und kleinstädtischen Milieu stammenden rechten Strukturen des Umlandes runden sie das Bild ab (siehe Schmidt-Clan).

Den ökonomischen Kern der Struktur bildet eine von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht, was sich an den vielen kleinbürgerlichen, mittelständischen UnternehmerInnen zeigt, die ihre Interessen von der AfD vertreten sehen. Dabei verbindet die Partei ein in weiten Teilen neoliberales Programm mit der ‚warmen‘ Ideologie der faschistischen Volksgemeinschaft und eine für den Faschismus typische Lust an der Katastrophe. Außerdem arbeitet sie mit ebenso typischen Romantisierungen und Mystifizierungen des angeblichen deutschen Volkes. Aus dieser Ideologie speisen sich auch die Feindbilder, die in den social-media-Kanälen der KandidatInnen en masse bespielt werden: Vermeintliche oder tatsächliche Linke, Frauen, Juden und Jüdinnen, Queers und Migrant_innen werden im Sinne einer politischen Freund/Feind Bestimmung zur „Jagd“ freigegeben.

Ein Fazit über die AfD und ihre zur Kommunalwahl antretenden KandidatInnen lässt sich aufgrund der personellen und ideologischen Aufstellung deshalb zusätzlich den den drei historischen Säulen auch entlang von typischen Merkmalen des Faschismus ziehen:

  1. Der Antimarxismus und die Sammlung unter einem vermeintlichen „nationalen“ Interesse lässt sich bei den lokalen AfD’lerInnen ebenso beobachten, wie
  2. ihre Verachtung für die pluralistische Gesellschaft, die ihren Mitgliedern eine – wie eingeschränkt auch immer – individuelle Entfaltung ermöglicht. Damit gestattet die liberale Gesellschaft ihren Mitgliedern eine Abweichung von dem, was die AfD gerne zur „Norm“ machen würde. Während sich die AfD
  3. bei den inneren Feinden recht einig zu sein scheint und wie man in Gießen gesehen hat, bei entsprechender Gelegenheit
  4. zum offenen Straßenkampf übergeht, den man vorher auf Instagram ankündigt, gestaltet sich
  5. die Sache mit den äußeren Feinden aktuell noch schwierig.

Die zitierten und völlig im Widerspruch zueinander stehenden Positionen etwa zu Russlands Krieg gegen die Ukraine, weisen aber auf einen gewissen Pragmatismus in Bezug auf diese Widersprüche hin. So wurde am Gründungstag der neuen Parteijugend deutlich gemacht, dass diese unterschiedlichen Positionen auszuhalten seien, da das Gesamtprojekt nicht durch solche Spaltungen gefährdet werden dürfe.

Im Moment bietet diese Offenheit zudem Anschlussmöglichkeiten an ganz unterschiedliche Milieus. Besonders trügerisch ist dabei der Anschluss an das Milieu der sogenannten Friedensbewegung, wo die Dialogbereitschaft mit Putins Regime die Partei als vermeintliche „Friedenspartei“ erscheinen lässt. Dass Faschismus aber niemals Frieden bedeutet und auch nicht bedeuten kann, wird ignoriert.

Wer die Partei wählt, wählt somit ein Projekt, dass sich noch nicht entschieden hat, an welcher Front es seine Unterstützer und Mitläufer künftig sterben lassen wird. Die Versuche der Partei, durch chiffrierte Aussprüche wie „Alice für Deutschland“ oder „Deutschland zuerst“ an nationalsozialistische Propaganda anzuschließen machen deutlich, dass die Partei von einem Nationalismus durchzogen ist, der sich früher oder später auch gegen äußere Feinde wenden wird. Dafür sprechen auch die geschichtsrevisionistischen Opfererzählungen und der Post-Shoah Antisemitismus mit dem Ziel, sich von der Verantwortung für vergangene Verbrechen zu lösen. FaschistInnen haben nie aufgehört, Menschen zu jagen. Wo immer sich ihnen Gelegenheiten bieten, schlagen sie zu.

Faschismus hat in Deutschland Tradition und Kontinuität. FaschistInnen wollen ihre Gegner_innen jagen, früher wie heute. Genauso zeigt uns die Geschichte aber auch, dass es schon immer Gegenbewegungen zu diesen Entwicklungen gab und gibt. Erfolgreicher Antifaschismus ist laut, unversöhnlich und konsequent. Der gemeinsame Kampf gegen faschistische Ideologien und für die befreite Gesellschaft ist und bleibt unsere Wahl. Gelebter Antifaschismus ist – damals wie heute – unsere Antwort, unsere Pflicht und unsere Hoffnung.

Alerta, wir sehen uns auf der Straße!

Traurige Nazis nach erfolgreichem Antifaschismus zur Wehrmachtsausstellung in Marburg 1997
Traurige Nazis nach erfolgreichem Antifaschismus zur Wehrmachtsausstellung in Marburg 1997